Epilepsie, Endocannabinoid-System und medizinisches Cannabis

Viele Menschen mit Epilepsie suchen nach Möglichkeiten, ihre Erkrankung besser zu kontrollieren. Epileptische Anfälle können den Alltag stark beeinflussen und sowohl körperlich als auch psychisch belastend sein.

Die meisten Betroffenen werden mit sogenannten Antiepileptika (Antiseizure Medications – ASM) behandelt. Diese Medikamente helfen vielen Patientinnen und Patienten, die Anfallshäufigkeit deutlich zu reduzieren. Trotzdem wird ein Teil der Betroffenen trotz verschiedener Therapieversuche nicht vollständig anfallsfrei.

In den letzten Jahren ist deshalb auch medizinisches Cannabis stärker in den Fokus gerückt. Besonders die Wirkstoffe Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) werden in Forschung und Öffentlichkeit diskutiert. Gleichzeitig kursieren viele Informationen, die schwer einzuordnen sind.

Dieser Beitrag erklärt verständlich und sachlich,

was Epilepsie ist welche Rolle das körpereigene Endocannabinoid-System spielt

  • was über Cannabinoide derzeit wissenschaftlich bekannt ist
  • welche rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland gelten

Der Artikel dient ausschließlich der Orientierung und ersetzt keine ärztliche Beratung.


Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist eine chronische neurologische Erkrankung, bei der es wiederholt zu epileptischen Anfällen kommt. Laut der Weltgesundheitsorganisation leben weltweit etwa 50 Millionen Menschen mit dieser Erkrankung.

Ein einzelner Anfall bedeutet noch nicht automatisch Epilepsie. Erst wenn zwei oder mehr unprovozierte Anfälle auftreten, sprechen Fachleute von einer Epilepsie.

Die Anfälle entstehen durch übermäßige elektrische Aktivität von Nervenzellen im Gehirn. Je nachdem, welche Gehirnregion betroffen ist, können unterschiedliche Symptome auftreten.

Typische Formen sind:

  • Fokale Anfälle – betreffen nur bestimmte Gehirnbereiche
  • Generalisierte Anfälle – betreffen große Teile des Gehirns

Die Dauer eines Anfalls kann stark variieren – von wenigen Sekunden bis zu mehreren Minuten. Manche Betroffene verlieren dabei das Bewusstsein oder die Kontrolle über Muskelbewegungen.


Ursachen von Epilepsie

Die Ursachen für Epilepsie können sehr unterschiedlich sein. In etwa der Hälfte der Fälle lässt sich keine eindeutige Ursache feststellen.

Mögliche Auslöser sind unter anderem:

  • genetische Faktoren
  • Fehlbildungen des Gehirns
  • Komplikationen während Schwangerschaft oder Geburt
  • schwere Kopfverletzungen
  • Schlaganfälle
  • Infektionen des Nervensystems
  • Hirntumoren

Oft spielen mehrere Faktoren zusammen, weshalb jede Therapie individuell angepasst werden muss.


Behandlungsmöglichkeiten

Die Standardbehandlung besteht aus antiepileptischen Medikamenten, die die elektrische Aktivität im Gehirn stabilisieren.

Nach Angaben der WHO können etwa 70 % der Patientinnen und Patienten mit einer passenden medikamentösen Therapie anfallsfrei werden.

Weitere mögliche Behandlungsansätze sind beispielsweise:

  • epilepsiechirurgische Eingriffe
  • Vagusnerv-Stimulation
  • eine ketogene Diät

Welche Behandlung geeignet ist, hängt immer von der individuellen Situation ab.

Epilepsie bedeutet nicht automatisch eine geistige Behinderung. Dennoch kann die Erkrankung den Alltag deutlich beeinflussen, etwa durch:

  • Verletzungsrisiken bei Anfällen
  • Unsicherheit vor dem nächsten Anfall
  • psychische Belastungen

Das Endocannabinoid-System

Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein körpereigenes Regulationssystem. Es wurde erst in den 1990er-Jahren entdeckt, spielt aber eine wichtige Rolle bei vielen biologischen Prozessen.

Nach Angaben verschiedener Studien ist das ECS an der Regulation verschiedener Funktionen beteiligt, darunter:

  • Gedächtnis und Lernen
  • emotionale Verarbeitung
  • Schlaf
  • Schmerzempfinden
  • Temperaturregulation
  • Immunreaktionen

Das System hilft dem Körper, ein inneres Gleichgewicht (Homöostase) aufrechtzuerhalten.


CB1- und CB2-Rezeptoren

Die wichtigsten Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems heißen CB1 und CB2.

CB1-Rezeptoren

  • vor allem im Gehirn vorhanden
  • beeinflussen die Freisetzung von Neurotransmittern
  • spielen eine Rolle bei Appetit, Stimmung und Aufmerksamkeit

CB2-Rezeptoren

  • hauptsächlich im Immunsystem zu finden
  • sind an der Regulation von Entzündungsprozessen beteiligt

Endocannabinoide

Der Körper produziert selbst sogenannte Endocannabinoide. Diese Moleküle ähneln in ihrer Struktur den Wirkstoffen der Cannabispflanze.

Ein bekanntes Beispiel ist Anandamid, dessen Name vom Sanskrit-Wort „Ananda“ für Glückseligkeit abgeleitet wurde.

Endocannabinoide:

  • aktivieren CB1- und CB2-Rezeptoren
  • werden bei Bedarf produziert
  • werden schnell wieder abgebaut

Dadurch wirken sie meist kurzzeitig und lokal.


Die Cannabispflanze und ihre Wirkstoffe

Die Cannabispflanze enthält über 100 verschiedene Cannabinoide sowie viele weitere Pflanzenstoffe wie Terpene und Flavonoide.

Zu den bekanntesten Wirkstoffen gehören:

  • THC (Δ9-Tetrahydrocannabinol)
  • CBD (Cannabidiol)

Nach Angaben der U.S. Food and Drug Administration enthält Cannabis zahlreiche biologisch aktive Substanzen. Wie diese genau zusammenwirken, wird weiterhin wissenschaftlich untersucht.

Manche Forschende diskutieren den sogenannten „Entourage-Effekt“, bei dem mehrere Pflanzenstoffe gemeinsam wirken könnten. Die wissenschaftliche Evidenz dafür ist jedoch bisher begrenzt.


THC (Δ9-Tetrahydrocannabinol)

THC ist der wichtigste psychoaktive Bestandteil der Cannabispflanze.

Es bindet an CB1- und CB2-Rezeptoren und beeinflusst dadurch verschiedene Signalprozesse im Nervensystem.

In der Medizin werden THC-haltige Wirkstoffe unter anderem eingesetzt bei:

  • schwerer Übelkeit durch Chemotherapie
  • Appetitverlust bei bestimmten Erkrankungen

THC kann jedoch auch Nebenwirkungen verursachen, zum Beispiel:

  • Müdigkeit
  • Schwindel
  • Verwirrtheit
  • Mundtrockenheit
  • Veränderungen der Stimmung

In einigen Fällen wurden auch psychische Nebenwirkungen beschrieben. Deshalb erfolgt eine medizinische Anwendung immer unter ärztlicher Kontrolle.


CBD (Cannabidiol)

CBD ist ein weiteres wichtiges Cannabinoid. Im Gegensatz zu THC hat es keine berauschende Wirkung.

Ein hochreines CBD-Arzneimittel wurde von der U.S. Food and Drug Administration für bestimmte seltene Epilepsiesyndrome zugelassen, darunter:

  • Lennox-Gastaut-Syndrom
  • Dravet-Syndrom
  • Tuberöse Sklerose

Diese Zulassung basiert auf kontrollierten klinischen Studien.

Wichtig ist jedoch:

Die Ergebnisse beziehen sich nur auf dieses zugelassene Medikament, nicht auf frei verkäufliche CBD-Produkte.

Auch CBD kann Nebenwirkungen haben, etwa:

  • Müdigkeit
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Veränderungen der Leberwerte
  • Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Aktueller Stand der Forschung

Die Forschung zu Cannabinoiden bei Epilepsie umfasst:

  • Tierstudien
  • Beobachtungsstudien
  • klinische Studien

Bei CBD konnten Studien zeigen, dass bei einigen Patientinnen und Patienten mit bestimmten Epilepsiesyndromen die Anfallshäufigkeit reduziert werden kann.

Eine vollständige Anfallsfreiheit wird jedoch nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen erreicht.

Für THC liegen bislang deutlich weniger klinische Daten vor. Deshalb gilt THC derzeit nicht als Standardtherapie bei Epilepsie.


Rechtliche Situation in Deutschland

In Deutschland wird der Umgang mit Cannabis durch zwei Gesetze geregelt:

  • Konsumcannabisgesetz
  • Medizinal‑Cannabisgesetz

Medizinisches Cannabis ist rechtlich von Freizeitcannabis zu unterscheiden.

Laut dem Bundesministerium für Gesundheit kann medizinisches Cannabis weiterhin als Arzneimittel verschrieben werden.

Wichtige Punkte:

  • Verschreibung erfolgt durch Ärztinnen oder Ärzte
  • Bezug über Apotheken
  • pharmazeutische Qualitätsstandards müssen eingehalten werden

Cannabis und Straßenverkehr

Für den Straßenverkehr gilt in Deutschland ein THC-Grenzwert von 3,5 ng/ml im Blutserum.

Patientinnen und Patienten mit ärztlich verordnetem Cannabis unterliegen besonderen Regelungen. Trotzdem gilt:

  • die Fahrtüchtigkeit muss jederzeit gegeben sein
  • bei Beeinträchtigung darf kein Fahrzeug geführt werden

Ablauf einer möglichen Cannabistherapie

Der Beginn einer Cannabistherapie erfolgt immer nach individueller ärztlicher Beurteilung.

Typische Schritte sind:

  1. ausführliches ärztliches Gespräch
  2. Bewertung der bisherigen Therapien
  3. Entscheidung über mögliche Cannabis-Medikation
  4. Rezept und Bezug über eine Apotheke
  5. regelmäßige Kontrolltermine

Die Therapie dient in der Regel als Ergänzung, nicht als Ersatz bestehender Behandlungen.


Sicherheit und mögliche Risiken

Wie jedes Medikament können auch Cannabispräparate Nebenwirkungen haben. Diese hängen von verschiedenen Faktoren ab:

  • Wirkstoff
  • Dosierung
  • Einnahmeform
  • Begleitmedikation
  • individuelle Empfindlichkeit

Deshalb sollte eine Anwendung immer unter medizinischer Begleitung erfolgen.


Realistische Erwartungen

Medizinisches Cannabis ist kein Allheilmittel. Manche Patientinnen und Patienten berichten über Verbesserungen, andere erleben keinen spürbaren Effekt.

Ein möglicher Nutzen zeigt sich oft erst nach längerer Beobachtung und Anpassung der Therapie.

Wichtig sind:

  • realistische Erwartungen
  • Geduld während der Therapie
  • regelmäßige ärztliche Betreuung

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